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Kombination aus Retinitis Pigmentosa und angeborenem Hörverlust

Drei Typen mit unterschiedlichem Schweregrad. Häufigste Ursache für gleichzeitige Taub-Blindheit. Hauptgene: MYO7A, USH2A, CDH23, ADGRV1.

Erbliche Netzhauterkrankungen im Überblick

Erbliche Netzhauterkrankungen sind genetisch bedingte Erkrankungen der Netzhaut. Weltweit sind etwa zwei Millionen Menschen betroffen.

Retinitis Pigmentosa (RP)

Häufigste erbliche Netzhauterkrankung (1:4.000). Stäbchen sterben zuerst ab: Nachtblindheit, Tunnelblick, fortschreitender Sehverlust. Über 80 Gene bekannt (RPGR, USH2A, EYS, RHO).

Usher-Syndrom

RP + Hörverlust. Typ I: Taubheit von Geburt (MYO7A). Typ II: Moderate Schwerhörigkeit (USH2A). Typ III: Fortschreitend (CLRN1).

Stargardt-Krankheit

Häufigste Makuladystrophie bei Jugendlichen. ABCA4-Gen. Zentraler Sehverlust, peripheres Sehen bleibt.

Leber Kongenitale Amaurose (LCA)

Schwerste Form - Blindheit ab Geburt. Für RPE65-Mutationen gibt es Luxturna (erste Gentherapie, EU 2018).

Aktuelle Therapieansätze

Was ist das Usher-Syndrom?

Das Usher-Syndrom ist die häufigste Form einer kombinierten, genetisch bedingten Hör-Seh-Behinderung. Betroffene haben von Geburt an einen Hörverlust und entwickeln zusätzlich im Laufe des Lebens eine Retinitis Pigmentosa mit fortschreitendem Sehverlust. In manchen Fällen treten auch Gleichgewichtsstörungen auf.

Die Prävalenz wird auf etwa 3–6 pro 100.000 Personen geschätzt. Weltweit gilt das Usher-Syndrom als Ursache von rund der Hälfte aller Fälle kombinierter Taubblindheit. Es wird autosomal-rezessiv vererbt: Beide Elternteile müssen je eine veränderte Genkopie weitergeben, damit ein Kind erkrankt.

Drei klinische Hauptformen werden unterschieden: Typ I, Typ II und Typ III. Sie unterscheiden sich in Ausprägung und Zeitpunkt von Hör- und Sehverlust.

Symptome & Verlauf nach Typ

Typ I (schwerste Form)

  • Hochgradige Taubheit von Geburt an
  • Gleichgewichtsstörung durch Ausfall des vestibulären Systems - verzögertes freies Laufen im Kleinkindalter
  • Beginn der RP meist vor dem 10. Lebensjahr mit früher Nachtblindheit
  • Häufige Gene: MYO7A, USH1C, CDH23, PCDH15, USH1G

Typ II (häufigste Form)

  • Mittel- bis hochgradige angeborene Schwerhörigkeit, meist stabil
  • Normale Gleichgewichtsfunktion
  • RP beginnt typischerweise im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter
  • Häufigstes Gen: USH2A (ca. 75–80 % der Typ-II-Fälle)

Typ III (seltener)

  • Progredienter Hörverlust, oft erst im Jugendalter auffällig
  • Gleichgewichtsstörung variabel
  • RP meist zwischen 10. und 20. Lebensjahr
  • Gen: CLRN1 (in Finnland und bei Ashkenazi-Juden gehäuft)

Diagnose

  • Audiometrie und pädaudiologische Diagnostik
  • Vestibuläre Tests (z. B. VEMP, kalorische Prüfung) bei Verdacht auf Typ I
  • Augenärztliche Untersuchungen: ERG, OCT, Gesichtsfeld, Fundusautofluoreszenz
  • Gentest (Usher- oder umfassendes Netzhautpanel) zur Bestätigung und Typisierung

Ursachen & Genetik

Bislang sind mehr als zehn Gene bekannt, die das Usher-Syndrom verursachen. Alle kodieren für Proteine, die sowohl in den Haarzellen des Innenohrs als auch in den Photorezeptoren der Netzhaut eine Rolle spielen. Neben MYO7A und USH2A sind u. a. CDH23, PCDH15, USH1C, USH1G, WHRN, ADGRV1 und CLRN1 beschrieben. Die Vererbung erfolgt bei allen Formen autosomal-rezessiv.

Therapie & Aussicht

  • Hörrehabilitation: Hörgeräte bei Typ II/III, Cochlea-Implantate bei Typ I - idealerweise früh im Kindesalter.
  • Augenärztliche Betreuung: Verlaufskontrollen, Kantenfilter, Low-Vision-Hilfen.
  • Gen- und RNA-Therapien in Studien: Für USH2A (z. B. Antisense-Oligonukleotide gegen die Variante c.7595-2144A>G) laufen Phase-II/III-Studien. Für MYO7A werden Dual-AAV- und Lentivirus-Ansätze präklinisch und in frühen Studien untersucht.
  • Supportive Maßnahmen: Mobilitätstraining, Kommunikationsstrategien (Lormen, taktile Gebärdensprache), psychosoziale Begleitung.

Eine Heilung ist derzeit nicht möglich. Erste Studien deuten jedoch darauf hin, dass RNA-basierte Ansätze das Fortschreiten bei bestimmten Mutationen verzögern könnten.

Leben mit dem Usher-Syndrom

Zentral sind eine frühzeitige, multidisziplinäre Betreuung (HNO, Pädaudiologie, Augenheilkunde, Humangenetik) und der Kontakt zu Selbsthilfeverbänden wie PRO RETINA Deutschland e.V. oder dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV).

  • Hilfsmittelversorgung (Hör- und Sehhilfen, Kommunikationshilfen)
  • Frühförderung und inklusive Schul-/Ausbildungsangebote
  • Beratung zu Nachteilsausgleichen und Taubblindengeld

Spezialisierte Einrichtungen finden Sie unter Spezialkliniken, weitere Informationen unter Wissenswertes.

Aktuelle Forschung (Stand 2026)

  • Antisense-Oligonukleotide für USH2A: Mehrere Studienprogramme untersuchen den Erhalt der Sehfunktion bei der häufigen tief-intronischen Variante.
  • Dual-AAV-Gentherapien für MYO7A: Das große MYO7A-Gen überschreitet die Kapazität einzelner AAV-Vektoren; Split-Intein- und Dual-AAV-Systeme werden klinisch getestet.
  • CRISPR-Basenkorrektur: Präklinische Arbeiten zu Punktmutationen in USH2A und CLRN1.

Laufende Studien sind unter Studien sowie auf ClinicalTrials.gov abrufbar.

Hinweis

Diese Informationen dienen der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine ärztliche Beratung. Bitte besprechen Sie individuelle Fragen mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sowie mit einer humangenetischen Beratung.