Gene im Fokus: Genetik bei erblichen Netzhauterkrankungen einfach erklärt
Wissen · Video-EinordnungEin PRO-RETINA-Vortrag erklärt anschaulich, wie Gene und DNA erbliche Netzhauterkrankungen verursachen und wie eine molekulargenetische Diagnostik abläuft.
Auf einen Blick
- Was ist eine monogene Mutation?
- Eine Veränderung in nur einem Gen, die ausreicht, um eine erbliche Netzhauterkrankung auszulösen.
- Wie viele Gene sind bei Retinitis pigmentosa bekannt?
- Laut Vortrag aktuell rund 86 gelistete Gene - 26 mit dominantem und 57 mit autosomal-rezessivem Erbgang.
- Wer kann eine molekulargenetische Diagnostik machen lassen?
- Betroffene mit ärztlichem Verdacht bei jedem Mediziner, gesunde Angehörige nur über einen Facharzt für Humangenetik.
- Wie lange dauert die Auswertung?
- Im Schnitt drei bis sechs Monate, da Fachleute die Ergebnisse trotz moderner Sequenzierung von Hand prüfen.
Worum geht es im Video?
Im Vortrag "Gene im Fokus" von PRO RETINA wird Genetik für Menschen mit erblichen Netzhauterkrankungen verständlich und ohne unnötigen Fachjargon erklärt. Es geht darum, was Gene und DNA überhaupt sind, wie eine einzelne Genveränderung zu einer Netzhauterkrankung führen kann, welche Erbgänge es gibt und wie eine molekulargenetische Diagnostik in Deutschland konkret abläuft. Eingebettet ist der Vortrag in die Aufklärungskampagne "Kenne deine Gene".
Was ist Genetik und was macht die DNA?
Die DNA gilt als Bauplan des Lebens. Sie liegt geschützt im Zellkern und damit in praktisch jeder Körperzelle vor, auch in den Sinneszellen der Netzhaut. Nur ein kleiner Teil der DNA - im Vortrag mit rund einem Prozent beziffert - besteht aus Genen, die als Bauanleitung für Proteine dienen. Der Mensch benötigt schätzungsweise 20.000 bis 21.000 unterschiedliche Proteine für Aufbau und Funktion des Körpers, auch für die Augen.
Chemisch besteht die DNA aus vier "Buchstaben" (Basen): A, C, T und G, angeordnet in einer Doppelhelix - vorstellbar wie eine verdrehte Strickleiter. Allein die Reihenfolge dieser Buchstaben bestimmt, welches Protein am Ende gebildet wird.
Wie eine einzelne Genveränderung wirkt
Im Vortrag wird eine monogene Mutation mit dem Aufbau eines Möbelstücks verglichen: Fehlt in der Bauanleitung die Seite mit dem Seitenteil, lässt sich der Schrank gar nicht aufbauen. Fehlt dagegen nur die Anleitung für eine Schublade, bleibt der Schrank nutzbar, nur ein Teil funktioniert nicht. Genauso unterschiedlich schwer können sich Genveränderungen auswirken - je nachdem, an welcher Stelle im Gen sie liegen.
Die Buchstaben der DNA werden in festen Dreiergruppen abgelesen. Fällt dabei nur ein Buchstabe heraus, verschiebt sich das gesamte Leseraster - vergleichbar mit dem Satz "Der Tisch hat 80 cm hohe Beine", aus dem durch einzelne veränderte oder fehlende Buchstaben ein unsinniger oder unvollständiger Satz werden kann. Genau das kann bei einer Genmutation passieren und zu Funktionseinschränkungen des betroffenen Proteins führen.
Dominanter und rezessiver Erbgang
Bei Netzhauterkrankungen sind vor allem zwei Erbgänge relevant. Beim autosomal-dominanten Erbgang reicht eine einzige veränderte Genkopie aus, damit die Erkrankung auftritt - sie zeigt sich dann in der Regel in jeder Generation, und ein betroffenes Elternteil gibt sie mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent weiter.
Beim autosomal-rezessiven Erbgang braucht es dagegen zwei veränderte Kopien, eine von jedem Elternteil. Sind beide Eltern lediglich gesunde Anlagenträger, liegt das Risiko für ein betroffenes Kind bei etwa 25 Prozent, und die Erkrankung kann dabei eine oder mehrere Generationen überspringen - das ist bei Retinitis pigmentosa der häufigere Fall. Laut Vortrag sind für Retinitis pigmentosa aktuell rund 86 Gene in Datenbanken erfasst, davon 26 mit dominantem und 57 mit autosomal-rezessivem Erbgang; rezessive Formen machen dabei rund 65 Prozent der Fälle aus. Daneben gibt es weitere, seltenere Erbgänge, die im Vortrag nur kurz angesprochen wurden.
Molekulargenetische Diagnostik: Ablauf und Dauer
Voraussetzung für eine molekulargenetische Diagnostik ist ein ärztlich begründeter Verdacht auf eine erbliche Netzhauterkrankung, meist gestellt durch den Augenarzt. Betroffene selbst können sich danach an jeden Mediziner wenden, etwa Hausarzt oder Augenarzt; bei gesetzlich Versicherten ist die Untersuchung eine Kassenleistung, geregelt über das Gendiagnostikgesetz. Gesunde Angehörige, die sich vorsorglich testen lassen möchten, müssen dagegen zu einem Facharzt für Humangenetik und erhalten dort vor und nach der Untersuchung eine ausführliche Beratung - unter anderem, weil ein einmal bekanntes Ergebnis nicht rückgängig zu machen ist.
Technisch wird aus einer Blutprobe DNA isoliert und mit modernen Hochdurchsatz-Verfahren (NGS) sequenziert, einer Technik, die es erst seit rund 15 Jahren gibt. Da Menschen genetisch zu 99,9 Prozent identisch sind, muss unter rund drei Milliarden Basen die eine ursächliche Veränderung gefunden werden. Trotz Computerunterstützung prüfen Fachleute die Ergebnisse zusätzlich von Hand, deshalb dauert eine Auswertung im Schnitt drei bis sechs Monate. Für ein Gen (RPE65) ist in Deutschland bereits eine Gentherapie zugelassen, für weitere Gene laufen laut Vortrag klinische Studien - eine Teilnahme setzt in der Regel die Kenntnis des eigenen Gendefekts voraus.
Was heißt das für mich?
Eine molekulargenetische Diagnostik kann Klarheit schaffen, ist aber eine persönliche Entscheidung mit bleibendem Ergebnis. Wichtig zu wissen, bevor man sich testen lässt:
- Betroffene mit ärztlich gesichertem Verdacht können sich direkt an ihren Arzt wenden; bei gesetzlich Versicherten trägt die Krankenkasse die Kosten.
- Gesunde Angehörige sollten einen Test nur nach ausführlicher Beratung bei einem Facharzt für Humangenetik erwägen, da das Ergebnis nicht rückgängig gemacht werden kann.
- Die Diagnostik entscheidet allein der Betroffene selbst - eine heimliche Untersuchung ist nicht vorgesehen.
- Ein bekannter Gendefekt kann Aussagen zum Erbgang, zur Wahrscheinlichkeit für Kinder und zu möglichen Gentherapien oder klinischen Studien ermöglichen.
- Fällt zunächst kein Gendefekt auf, kann eine spätere Wiederholung sinnvoll sein, da die zugrundeliegenden Datenbanken laufend aktualisiert werden.
- Eine Liste spezialisierter Humangenetiker findet sich über die Gesellschaft für Humangenetik oder bei PRO RETINA.
Quelle
Dieser Beitrag fasst das YouTube-Video „Gene im Fokus" von PRO RETINA Deutschland e. V. zusammen: youtube.com/watch?v=bk2kY2mBW_E. Ergänzt um eigene Einordnung und interne Verweise.