Kenne Dein Gen: Warum die genetische Diagnose bei Netzhauterkrankungen zählt
Wissen · Video-EinordnungEine Humangenetikerin aus Bonn erklärt bei PRO-RETINA in Trier, warum die Suche nach dem ursächlichen Gen bei erblichen Netzhauterkrankungen für Diagnose, Therapie und Familienplanung entscheidend sein kann.
Auf einen Blick
- Was bedeutet 'monogen erblich'?
- Die Erkrankung wird durch eine Veränderung in einem einzelnen Gen verursacht - bei Retinitis pigmentosa sind aktuell 86 solcher Gene bekannt.
- Warum lohnt sich ein alter, unklarer Befund noch einmal?
- Weil laufend neue ursächliche Gene entdeckt werden - ein Test von vor einigen Jahren deckt nicht das heutige Wissen ab.
- Wozu dient die genaue Gen-Diagnose?
- Sie klärt den Erbgang und das Risiko für Angehörige und kann Zugang zu Gentherapien oder klinischen Studien eröffnen.
- Braucht man eine Überweisung für die Humangenetik?
- Nein, meist reicht ein Termin - anders als in der Augenklinik, wo der Augenarzt überweisen muss.
Worum geht es im Video?
Der Vortrag stammt von einer Fachärztin für Humangenetik am Universitätsklinikum Bonn und wurde bei einer PRO-RETINA-Veranstaltung in Trier gehalten. Sie erklärt, wie die humangenetische Sprechstunde bei erblich bedingten Netzhauterkrankungen abläuft, und will vor allem eines: die Scheu vor dem Fachgebiet nehmen. Im Mittelpunkt steht die monogen erbliche Form, bei der die Ursache in einem einzigen Gen liegt - daher der Titel 'Kenne Dein Gen'. Anhand eines anonymisierten Fallbeispiels zeigt sie, warum die genaue genetische Diagnose für Betroffene und ihre Familien praktische Bedeutung hat, etwa für Prognose, Therapiezugang und Familienplanung.
Wie werden Netzhauterkrankungen eingeteilt?
Augenärztlich lässt sich eine Netzhautdystrophie danach einteilen, wo die Veränderungen sichtbar sind (peripher, zentral oder großflächig) und ob nur das Auge betroffen ist oder die Erkrankung Teil eines übergeordneten Syndroms ist. Aus genetischer Sicht unterscheidet man drei Gruppen: multifaktorielle Erkrankungen, bei denen Umweltfaktoren und eine komplexe genetische Veranlagung zusammenwirken; monogen erbliche Erkrankungen, bei denen die Ursache in einem einzelnen Gen liegt; und Fälle, bei denen die Ursache bislang unklar bleibt. Interessant: Nur etwa 1,5 Prozent der menschlichen Erbsubstanz sind tatsächlich proteincodierende Gene, geschätzt 20.000 bis 21.000 an der Zahl. Der Rest hat vermutlich Steuerungs- und Strukturfunktionen, die die Forschung bislang erst in Teilen versteht - ein Grund, warum sich in der Genetik ständig neue Erkenntnisse ergeben.
Wie viele Gene kennt man bei Retinitis pigmentosa?
Als Beispiel nennt die Referentin die Retinitis pigmentosa, die am besten erforschte Gruppe der Netzhautdystrophien. In den Fachdatenbanken sind aktuell 86 Gene gelistet, die als Ursache anerkannt sind - und es werden laufend mehr, da Forschungsprojekte stetig neue ursächliche Gene identifizieren. Von diesen 86 folgen 26 einem autosomal-dominanten Erbgang: Hier reicht eine veränderte Genkopie von zwei aus, um die Erkrankung auszulösen, und jedes Kind hat ein Risiko von 50 Prozent, die Veränderung zu erben - auch neu auftretende Mutationen sind möglich. 57 Gene folgen einem autosomal-rezessiven Erbgang, bei dem meist nur eine Generation betroffen ist. Drei Gene sind X-chromosomal gelistet. Wichtig: Ein negatives Testergebnis von vor einigen Jahren schließt eine monogene Ursache nicht endgültig aus, da damals schlicht noch nicht alle heute bekannten Gene untersucht werden konnten.
Warum zählt 'Kenne Dein Gen'?
Die genaue Diagnose - welches Gen, welche Mutation - hat aus Sicht der Referentin mehrere praktische Konsequenzen. Sie ermöglicht eine genauere Zuordnung zur richtigen Unterform und damit vorsichtigere Aussagen zum vermutlichen Verlauf. Sie ist außerdem Voraussetzung für den Zugang zu spezifischen Behandlungsansätzen: Für einzelne Gene gibt es inzwischen eine zugelassene Gentherapie, für weitere laufen klinische Studien - ohne Kenntnis des ursächlichen Gens ist eine Teilnahme oder Behandlung dort nicht möglich. Und schließlich ergibt sich aus dem gefundenen Gen automatisch der Erbgang, also ob die Erkrankung dominant, rezessiv oder X-chromosomal weitergegeben wird. Das erlaubt fundierte Aussagen zum Risiko für Kinder und andere Angehörige und eröffnet die Möglichkeit, dass sich Angehörige bei Bedarf gezielt auf die in der Familie bekannte Mutation testen lassen.
Ein Beispiel aus der Praxis: eine Familie, zwei Diagnosen
Die Referentin schildert ein anonymisiertes Fallbeispiel: Ein Patient bemerkte bereits im Kindesalter eine Nachtblindheit, mit 32 Jahren stand die Diagnose Retinitis pigmentosa fest. 2012 sprach die Familienanamnese - niemand sonst in der Familie betroffen - zunächst für einen autosomal-rezessiven Erbgang; eine Gensuche war damals technisch und finanziell kaum möglich und blieb ohne Ergebnis. Acht Jahre später, 2020, wurde bei einem Neffen ebenfalls eine Retinitis pigmentosa festgestellt. Die inzwischen deutlich verbesserte Diagnostik fand daraufhin eine Mutation im Gen PRPF31 - einem dominanten, nicht rezessiven Gen mit sogenannter unvollständiger Penetranz: Man kann die Veränderung tragen, ohne je zu erkranken, so wie es beim eigentlich gesunden Vater des Patienten der Fall war. Damit musste die Risikoeinschätzung für die ganze Familie neu bewertet werden. Ein erwachsener Neffe ließ sich daraufhin freiwillig prädiktiv testen und erfuhr, dass er die Mutation nicht geerbt hat - für ihn und seine künftigen Kinder besteht damit kein Risiko. Das Beispiel zeigt, wie sich Diagnosen durch neue Familienbefunde und bessere Methoden über Jahre verändern können.
Was heißt das für mich?
Für Menschen mit einer vermuteten oder bereits diagnostizierten erblichen Netzhauterkrankung ergeben sich aus dem Vortrag einige praktische Anknüpfungspunkte:
- Ein Jahre altes, negatives oder unklares genetisches Testergebnis ist kein endgültiges Nein - da laufend neue Gene entdeckt werden, kann sich eine erneute Anfrage bei der Humangenetik lohnen.
- Die genaue Diagnose (Gen und Mutation) ist oft Voraussetzung für den Zugang zu einer zugelassenen Gentherapie oder zur Teilnahme an passenden klinischen Studien.
- Erst mit dem ursächlichen Gen lässt sich der Erbgang - dominant, rezessiv oder X-chromosomal - bestimmen und damit das Risiko für Kinder und Angehörige realistisch einschätzen.
- Prädiktive Tests bei bislang gesunden Angehörigen sind freiwillig, gesetzlich geregelt und dürfen ausschließlich im Rahmen der Humangenetik erfolgen.
- Ein Termin in der Humangenetik ist in der Regel auch ohne Überweisung möglich; passende Institute gibt es bundesweit, nicht nur in Bonn.
Quelle
Dieser Beitrag fasst das YouTube-Video „Genetik: Kenne Dein Gen" von PRO RETINA Deutschland e. V. zusammen: youtube.com/watch?v=sjB-Htofc9k. Ergänzt um eigene Einordnung und interne Verweise.