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Retina-Gentherapie: Erfahrungen aus der Augenklinik Bonn

Wissen · Video-Einordnung

Ärztinnen und Ärzte der Uniklinik Bonn berichten, wie die erste zugelassene Netzhaut-Gentherapie in der Praxis abläuft und wirkt.

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Gene Klinische Studien Glossar

Auf einen Blick

Für wen ist die Gentherapie geeignet?
Aktuell nur für Menschen mit molekulargenetisch gesicherter Mutation im Gen RPE65, etwa bei bestimmten Formen der Retinitis pigmentosa oder der Leberschen kongenitalen Amaurose.
Wie läuft die Behandlung ab?
Es ist ein operativer Eingriff unter Vollnarkose: Die Wirklösung wird nicht wie sonst üblich in den Glaskörper, sondern unter die Netzhaut gespritzt.
Was zeigen die bisherigen Erfahrungen aus Bonn?
Bei zwölf behandelten Patienten bislang keine Netzhautablösung, teils spürbare Verbesserung des Dämmerungssehens - die Wirkung fällt aber individuell sehr unterschiedlich aus.
Hält die Wirkung dauerhaft an?
Erste Daten zeigen eine stabile Wirkung über drei bis vier Jahre, verlässliche Langzeitdaten darüber hinaus fehlen aber noch.

Worum geht es im Video?

Der Vortrag ist Teil einer Aufklärungsveranstaltung von PRO RETINA. Darin berichtet ein Team der Universitäts-Augenklinik Bonn über die praktischen Erfahrungen mit der ersten zugelassenen Gentherapie für die Netzhaut, Luxturna (Voretigene Neparvovec). Zunächst wird das Prinzip der Gentherapie erklärt und in die aktuelle Forschungslandschaft eingeordnet, danach folgen der konkrete Ablauf der Behandlung im Operationssaal sowie erste Ergebnisse aus den bislang in Bonn behandelten Fällen.

Für wen kommt Luxturna infrage?

Luxturna ist seit 2018 in Europa zugelassen und war die erste Gentherapie überhaupt für eine Netzhauterkrankung. Sie wirkt ausschließlich bei einer Netzhautdystrophie, die durch Mutationen im Gen RPE65 verursacht wird - dazu zählen bestimmte Formen der Retinitis pigmentosa und der Leberschen kongenitalen Amaurose. Voraussetzung für die Behandlung ist deshalb immer eine gesicherte molekulargenetische Diagnose. Insgesamt sind heute über 250 Gene bekannt, die an erblichen Netzhauterkrankungen beteiligt sein können - Luxturna ist damit erst der Anfang, nicht die Lösung für alle Betroffenen. Für weitere Gendefekte, etwa bei Achromatopsie, Usher-Syndrom oder X-chromosomaler Retinitis pigmentosa, laufen bereits klinische Studien.

Wie läuft die Behandlung ab?

Anders als die bekannten Spritzen in den Glaskörper bei altersabhängiger Makuladegeneration ist die Gabe von Luxturna ein operativer Eingriff unter Vollnarkose. Ein multidisziplinäres Team aus Chirurgen, Anästhesie, Studienkoordination und Apotheke ist beteiligt, denn das tiefgefrorene Präparat darf nur begrenzt aufgetaut sein und muss minutiös getimt in den Operationssaal gebracht werden. Zunächst wird der Glaskörper entfernt, anschließend eine sehr kleine Menge Flüssigkeit - deutlich weniger als ein Milliliter - mit den Genfähren unter die Netzhaut gespritzt. Dabei bildet sich eine Flüssigkeitsblase, die sich nach wenigen Stunden von selbst wieder auflöst. Zum Abschluss wird die Flüssigkeit im Auge gegen Luft ausgetauscht, wodurch das Sehen in den ersten Tagen zunächst eher schlechter wird, bevor es sich innerhalb von drei bis fünf Tagen stabilisiert. Die winzigen Zugänge vernähen sich mit selbstauflösendem Material, vor und nach der OP wird vorsorglich Kortison gegeben, um mögliche Immunreaktionen zu dämpfen.

Was zeigen die Erfahrungen aus Bonn bisher?

Zum Zeitpunkt des Vortrags waren in Bonn zwölf Patientinnen und Patienten operiert, geplant sind rund dreißig Behandlungen an zwanzig Augen. Das Alter reichte von sieben bis neununddreißig Jahren, im Mittel bei dreiundzwanzig Jahren. Bislang kam es zu keiner Netzhautablösung nach der Operation, zwei während des Eingriffs entstandene kleine Netzhautrisse wurden sofort behandelt. Sehschärfe und Gesichtsfeld schwankten nach der OP recht deutlich, in Tests zur Dämmerungssehfunktion (Stäbchenfunktion) zeigte sich aber im Gruppenvergleich eine Verbesserung. Eine der ersten Patientinnen berichtete zum Beispiel, sie habe erstmals wieder ihr Handy auf dem Sofa liegen sehen können, Licht erscheine heller und Konturen würden anders wahrgenommen. Wichtig ist: Die Wirkung fiel von Patient zu Patient sehr unterschiedlich aus.

Chancen und offene Fragen

Offen bleiben mehrere Fragen. Die Kosten liegen bei über 300.000 Euro pro behandeltem Auge. Erste Daten aus einer aktuellen Publikation deuten darauf hin, dass die Wirkung über drei bis vier Jahre stabil bleibt, doch Langzeitbeobachtungen über diesen Zeitraum hinaus fehlen noch - ob irgendwann eine Auffrischung nötig wird, ist ungeklärt. Parallel wird an weiteren Ansätzen gearbeitet: Optogenetik könnte, weil sie nicht an ein bestimmtes Gen gebunden ist, künftig mehrere Erkrankungen gleichzeitig behandelbar machen; auch Zellimplantate, die dauerhaft Proteine ins Auge abgeben, sowie Organoide als Testsysteme für neue Therapien vor dem Einsatz am Menschen sind in Entwicklung. Selbst für die deutlich häufigere altersabhängige Makuladegeneration laufen inzwischen Gentherapie-Studien. In Deutschland wird Luxturna aktuell an drei spezialisierten Zentren angeboten: Bonn, München und Tübingen.

Was heisst das für mich?

Was bedeutet dieser Erfahrungsbericht für Betroffene und Angehörige konkret?

  • Luxturna ist bislang nur für die Untergruppe mit nachgewiesener RPE65-Mutation zugelassen - eine gesicherte molekulargenetische Diagnose ist zwingende Voraussetzung.
  • Es handelt sich um eine Augenoperation mit den üblichen Risiken eines netzhautchirurgischen Eingriffs, nicht um eine einfache Spritze.
  • Die bisherigen Ergebnisse sind vorsichtig positiv, aber individuell sehr unterschiedlich - gemeint ist eine mögliche Stabilisierung oder Teilverbesserung der Funktion, keine Heilung.
  • Wie lange der Effekt über vier Jahre hinaus anhält, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
  • Da laufend neue Gentherapien für weitere Gene erforscht werden, lohnt sich bei unklarer Diagnose eine molekulargenetische Abklärung - sie ist Voraussetzung für jede künftige zielgerichtete Behandlung.

Quelle

Dieser Beitrag fasst das YouTube-Video „Retina-Gentherapie - Erfahrungen der Augenklinik Bonn" von PRO RETINA Deutschland e. V. zusammen: youtube.com/watch?v=qS1JVlOzD2U. Ergänzt um eigene Einordnung und interne Verweise.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder humangenetische Beratung.