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Kortison wegen einer anderen Erkrankung (z. B. MS): schadet es bei Retinitis pigmentosa dem Auge?

Wissen · Einordnung

Wenn man Kortison aus einem anderen Grund braucht – was bedeutet das für Netzhaut und Auge?

Symbolbild zum Beitrag Kortison bei Retinitis pigmentosa: abstrakte, ruhige blaue Darstellung eines menschlichen Auges mit Netzhaut.
Retinitis pigmentosa Usher-Syndrom MS & Auge

Die Frage – und die kurze Antwort

Aus der Community: „Ich muss wegen Multipler Sklerose (MS) Kortison nehmen und habe zugleich Retinitis pigmentosa. Hat das Kortison Auswirkungen auf meine RP bzw. auf mein Auge?“ Wichtig vorweg: Kortison, das Sie wegen einer anderen Erkrankung bekommen, hat mit der RP zunächst nichts zu tun. Die eigentliche Frage ist, ob es sich auf das Auge auswirkt.

Ich nehme Kortison wegen einer anderen Erkrankung (z. B. MS). Beschleunigt das meine RP?
Nach der aktuellen Studienlage nein – dafür gibt es keinen Beleg. Kortison gegen z. B. einen MS-Schub wirkt auf das Immunsystem, nicht auf den Netzhaut-Abbau der RP.
Worauf sollte ich dann am Auge achten?
Auf die bekannten Neben­wirkungen von Kortison am Auge: erhöhter Augeninnendruck (Glaukom) und Linsentrübung (Katarakt). Bei RP besonders im Blick behalten, weil das Grundrisiko ohnehin erhöht ist – also augenärztliche Kontrollen.
Sollte ich die Kortison-Therapie deshalb ablehnen?
Nein. Einen MS-Schub sollte man nicht unbehandelt lassen. Sinnvoll ist, dass Neurologie und Augenheilkunde sich abstimmen.
Und wenn Kortison direkt am Auge eingesetzt wird?
Das ist eine andere Situation: Bei RP kann Kortison gezielt gegen die Begleit­komplikation Makula­ödem verwendet werden (meist als zweite Wahl). Mehr dazu weiter unten.

Worum geht es?

Viele Menschen mit Retinitis pigmentosa haben noch weitere Erkrankungen – zum Beispiel Multiple Sklerose –, die zeitweise mit Kortison behandelt werden müssen. Verständlich, dass dann die Sorge aufkommt: „Schadet dieses Kortison meiner Netzhaut?“ Kortison (Kortiko­steroide) ist ein starker Entzündungshemmer, der in vielen Bereichen der Medizin eingesetzt wird – als Tablette, Infusion, Augentropfen oder als Injektion in oder neben das Auge. Wir haben die Studienlage zusammengetragen und ordnen sie ein.

Kortison gegen andere Erkrankungen und die RP – der wichtige Unterschied

Kortison, das Sie wegen einer anderen Erkrankung einnehmen (etwa bei einem MS-Schub), wirkt im ganzen Körper auf das Immunsystem und dämpft Entzündungen. Es greift nicht in den genetischen Defekt ein, der die RP verursacht. Kurz: Für eine Beschleunigung des RP-Verlaufs durch Kortison gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg. In den durchsuchten Fachdatenbanken findet sich keine Studie, die zeigt, dass Kortison die Photorezeptoren bei RP schneller absterben lässt. Interessanterweise deutet die Forschung eher in die andere Richtung: Entzündungs­prozesse in der Netzhaut gelten selbst als ein Motor der RP-Verschlechterung – und Kortison wirkt Entzündungen entgegen.

Was am Auge tatsächlich zu beachten ist

Die eigentliche Frage „Hat das Kortison Auswirkungen auf mein Auge?“ hat eine klare Antwort: Ja, aber anders als oft vermutet. Kortison kann den Augeninnendruck erhöhen (sogenanntes Steroid-Glaukom) und die Augenlinse trüben lassen (Katarakt). Beides ist bei RP besonders zu beachten, weil RP-Betroffene ohnehin ein erhöhtes Grundrisiko für ein Glaukom haben und weil viele im Verlauf auch ohne Kortison eine Linsentrübung entwickeln. So entsteht leicht der Eindruck „Kortison hat mir geschadet“, obwohl die Trübung oft ohnehin gekommen wäre. Diese Nebenwirkungen sind real, aber kontrollierbar: Deshalb gehören zu einer Kortison­behandlung regelmäßige Kontrollen von Augeninnendruck und Linse – unabhängig davon, warum das Kortison gegeben wird.

Der Sonderfall MS-Schub

Ein MS-Schub wird üblicherweise mit einer hochdosierten Kortison-Stoßtherapie behandelt (Methylprednisolon als Infusion, meist über drei Tage). Wichtig: Retinitis pigmentosa ist in den einschlägigen Leitlinien kein Grund, darauf zu verzichten. Es gibt keine Belege, dass diese kurzen, hochdosierten Stöße die RP verschlechtern. Ein unbehandelter Schub kann dagegen bleibende Einschränkungen hinterlassen. Sinnvoll ist die Abstimmung zwischen Neurologie und Augenheilkunde: ein augenärztlicher Ausgangsbefund (Augeninnendruck, Linse) und Kontrollen, besonders bei häufigen Schüben oder Glaukom-Neigung. Die Entscheidung trifft immer das Behandlungsteam im Einzelfall.

Anders gelagert: Kortison als Therapie am Auge (Makulaödem)

Zur Vollständigkeit: Kortison wird bei RP manchmal auch gezielt am Auge eingesetzt – nicht gegen die Grunderkrankung, sondern gegen eine mögliche Begleit­erscheinung, das zystoide Makula­ödem (eine Flüssigkeits­ansammlung in der Netzhautmitte). Erste Wahl sind hier meist Carboanhydrase­hemmer (z. B. Acetazolamid). Sprechen sie nicht an, kommen Kortison-Formen als zweite Stufe infrage (Tabletten, eine Injektion neben oder in das Auge, oder ein Dexamethason-Implantat). Das ist eine andere Fragestellung als die MS-Schubtherapie, wird aber ebenfalls augenärztlich begleitet.

Was heißt das für mich?

  • Kortison, das Sie wegen einer anderen Erkrankung (z. B. MS) brauchen, ist nach heutigem Wissen kein Grund zur Sorge um ein schnelleres Fortschreiten der RP.
  • Wichtig ist die augenärztliche Überwachung von Augeninnendruck und Linse – sagen Sie Ihrer Augenärztin/Ihrem Augenarzt, dass Sie Kortison einnehmen.
  • Eine ärztlich für nötig gehaltene Kortison-Therapie bitte nicht eigenmächtig ablehnen oder absetzen – Bedenken stattdessen offen ansprechen.
  • Bei Doppeldiagnose (RP/Usher und MS): Neurologie und Augenheilkunde koordinieren.

Quellen & weiterführende Informationen

  • Chen C. et al.: Management of Cystoid Macular Edema in Retinitis Pigmentosa – Systematic Review & Meta-Analysis. Frontiers in Medicine 2022. PMC9149278
  • Jimenez-Berrios G. et al.: Open-Angle and Steroid-Induced Glaucoma in Patients With Retinitis Pigmentosa. Cureus 2024. PMC10996434
  • Mohan K. V. et al.: Entzündung beschleunigt die Netzhaut-Degeneration bei RP. Orphanet J Rare Dis 2022. PMC9575261
  • AWMF-S1-Leitlinie 045/023: Erbliche Netzhaut-, Aderhaut- und Sehbahnerkrankungen (2021). AWMF-PDF
  • DMSG: Schubtherapie der Multiplen Sklerose. dmsg.de · MS-Qualitätshandbuch (KKNMS): Schubtherapie
  • PRO RETINA e. V.: Fakten zum Makula­ödem. pro-retina.de
  • Apotheken Umschau: Kortison – besser als sein Ruf. apotheken-umschau.de
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Er ist keine Behandlungs­empfehlung. Entscheidungen über Kortison treffen Sie gemeinsam mit Ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten – bei mehreren Erkrankungen abgestimmt zwischen den Fachrichtungen.